Bischof Overbeck fordert realistischen Blick auf Familien

Angesichts vielfältiger Belastungen dürfe man die Situation von Familien in der Corona-Krise nicht verklären. Der vermeintliche „Sehnsuchtsort Familie“ halte wohl kaum einem realfamiliären Belastungstest stand, schreibt der Bischof in der Zeitschrift „Stimme der Familie“. Umso wichtiger sei die gesellschaftliche Solidarität mit Familien.

Angesichts der schwierigen Situationen in der Corona-Krise wirbt Bischof Franz-Josef Overbeck für einen differenzierten Blick auf Familien. In einem Beitrag für die Zeitschrift „Stimme der Familie“ (Ausgabe 02 / 2020) distanziert sich Overbeck von Sichtweisen, „die die Vollbremsung des öffentlichen Lebens und die damit erzwungene Zeit zuhause zur Pflege eines Narrativs nutzen, indem die Familie unkritisch als Ort der Geborgenheit in unsicheren Zeiten dargestellt wird.“ Für manche Familien lägen „in der Gestaltung dieses ‚anderen‘ Miteinanders vielleicht gewisse Chancen“, so Overbeck. Die Situation könne jedoch auch eine große Gefahr darstellen, „insbesondere wenn neben gesundheitlichen auch ökonomische Unsicherheiten und die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes hinzukommen“, schreibt der Bischof. „Familien, die in einem Vorstadthaus mit Garten und Privatspielplatz wohnen, werden das Kontaktverbot in psychologischer Hinsicht anders erleben als Familien in prekären Wohnverhältnissen“, so Overbeck. Zudem führe „der Corona-Shutdown zu der paradoxen Situation, dass für viele Familien die herbeigesehnte ‚Komplexitätspause‘ nun zwar Alltag ist, sich aber nicht selten zum Stresstest entwickelt.“

Unsicherheiten und Widersprüche im Blick auf Familien

Auch in der Corona-Pandemie wirbt Overbeck für einen realistischen Blick auf Familien: Der vermeintliche „Sehnsuchtsort Familie“ halte wohl kaum einem realfamiliären Belastungstest stand. „Familienmitglieder sollten sich diesem fragwürdigen Ideal erst gar nicht verpflichten, da es vermutlich nur Enttäuschungen bereithält.“ Stattdessen solle die Gesellschaft im Blick auf Familien Unsicherheiten und Widersprüche aushalten: „Insbesondere jetzt, da allen Bürgerinnen und Bürgern Europas ihre Verwundbarkeit vor Augen steht, sollten wir uns darauf verständigen, das Netz an gesellschaftlichen Handlungsgewissheiten für die Zeit nach Corona gemeinsam so neu zu knüpfen, dass seine Fragilität und Mehrdeutigkeit nicht nur mitberücksichtigt, sondern als konstitutiver Teil menschlichen Zusammenlebens auch offengelegt wird.“

"Bereitschaft zur Solidarität darf nicht verlorengehen"

Gerade die Kirche müsse nun auf die Krisenerfahrungen der Menschen angemessene Antworten finden. Aktuell sei die Bereitschaft zu solidarischem Miteinander in der Gesellschaft erstaunlich hoch. „Wenn die akute Gefahr durch das Virus vorüber ist und wir uns mit den Nachwirkungen beschäftigen, darf diese Bereitschaft zur Solidarität nicht verlorengehen. Insbesondere viele junge Familien werden dann unsere Unterstützung brauchen, damit sie nicht zu den langfristigen Verlierern zählen“, fordert der Bischof.

Pressestelle Bistum Essen

Zwölfling 16
45127 Essen

0201/2204-266

0201/2204-507

presse@bistum-essen.de

Presse