Als der Papst auf Schalke spielte

Am Montag, 18. Mai, wäre Johannes Paul II. 100 Jahre alt geworden. Ein Termin, an dem gerade im Ruhrbistum viele Erinnerungen an den polnischen Pontifex wach werden.

Am Montag vor 100 Jahren wurde Karol Wojtyla geboren

Der spätere Papst Johannes Paul II. war schon als Kardinal von Krakau in Kontakt mit Ruhrbischof Franz Hengsbach und in Essen zu Gast

Im Ruhrbistum ist der 2005 verstorbene Pontifex vor allem durch den Besuch im Mai 1987 in Erinnerung geblieben.

Am Montag vor 100 wurde Karol Wojtyla geboren. Wenn die Welt sich dann an den späteren Papst Johannes Paul II. erinnert, werden insbesondere im Ruhrbistum die Bilder des 2005 verstorbenen Kirchenführers insbesondere wieder wach werden. Zur größten deutschen Industrieregion und der Heimat vieler polnischstämmiger Katholiken pflegte der 1978 zum Papst gewählte frühere Kardinal von Krakau gute Beziehungen.

Dies lag maßgeblich an Franz Hengsbach. In Herne hatte Hengsbach schon als Kaplan die Besonderheiten der Seelsorge für die vielen polnischen Katholiken kennengelernt. Später kümmerte sich der erste Ruhrbischof unter anderem um die Kontakte der deutschen zur polnischen Bischofskonferenz. In dieser Funktion hatte Hengsbach auch mit Wojtyla zu tun, der seit 1964 Bischof seiner Heimatstadt Krakau war. Beide Theologen hatten zudem in der ersten Hälfte der 1960er Jahre in Rom am II. Vatikanischen Konzil teilgenommen. Im September 1978 – keine vier Wochen vor seine Wahl zum Papst – besuchte Wojtyla Hengsbach in Essen, war zu Gast im Bischofshaus und schaute Dom und Domschatzkammer an.

Für den Papst war das Ruhrgebiet 1987 keine „terra incognita“

Als Wojtyla knapp neun Jahre später als Papst Johannes Paul II. wieder ins Ruhrgebiet kam, war dies für den Pontifex – anders als bei vielen seiner anderen Reisen – also keine „terra incognita“. In seinem Anfang des Jahres erschienenen Buch „Der Papst im Parkstadion“ (Klartext-Verlag) erinnert der Gelsenkirchener Stadtrat Christopher Schmitt an den ersten und bislang einzigen Papstbesuch im Ruhrbistum. Im Rahmen einer fünftägigen Deutschlandreise kam Johannes Paul II. am Samstag, 2. Mai 1987, nach Bottrop, Essen und Gelsenkirchen und flog am Sonntagmorgen vom Flughafen Essen/Mülheim weiter in Richtung München. Dass der Papst neben Köln, Bonn, Münster, Kevelaer und Süddeutschland ausgerechnet auch das jüngste und kleinste deutsche Bistum auf seine Route gesetzt hat, werde einerseits auf den persönlichen Wunsch Johannes Paul II. zurückgeführt, schreibt Schmitt. Andererseits verweist er auf eine geschickte Einladungspolitik Hengsbachs, der dem Papst im Herbst 1985 vorgeschlagen hatte, zwischen Kevelaer und Köln doch in der nahegelegenen „Mitte des Ruhrgebiets“ Station zu machen und sich dort vor allem dem Thema Arbeit zu widmen.

Arbeitslosigkeit war das beherrschende Thema

Bei der Papstreise zwei Jahre später war dieses Thema – vor allem mit Blick auf Arbeitslosigkeit – das alles beherrschende im Revier. Seit dem Frühjahr tobte in Hattingen der Kampf um die Henrichshütte, später im Jahr begann der um Krupp in Rheinhausen. Die Schattenseiten des „Strukturwandels“ waren an Rhein und Ruhr mit Händen zu greifen. Die Arbeitslosenquote lag seinerzeit bei gut 15 Prozent. „Die Stimmung im Revier war damals sehr pessimistisch“, erinnert sich später der heute emeritierte Weihbischof Franz Grave, der als Domkapitular von Hengsbach mit der Organisation des Papstbesuchs beauftragt worden war. Umso wichtiger seien die klaren Worte des Papstes bei seiner ersten Station in Bottrop gewesen, so Grave. Vor der Kulisse der Schachtanlage Franz Haniel 1/2 nannte Johannes Paul II. unverschuldete Arbeitslosigkeit einen „Skandal“ und forderte zweierlei Solidarität ein: Von denen, „die über Kapital und Produktionsmittel verfügen“ und von jenen, die bereits Arbeit haben. Töne, die gut ankamen im krisengeschüttelten Revier: „Das war ein sehr wichtiger Impuls für die Region, der den Menschen Mut gegeben hat“, sagte Grave. Und Stadtrat Schmitt verweist in seinem Buch auf den damaligen Gelsenkirchener Oberbürgermeister Werner Kuhlmann (SPD) und dessen Einschätzung, die Bottroper Papst-Worte hätten auch aus dem Sozialprogramm der SPD stammen können.

Johannes Paul II. sprach in Bottrop vor Vertretern aus Industrie, Gewerkschaft und Politik gleich unterhalb der Halde Haniel, auf die heute der bekannte Kreuzweg mit Bergbau-Symbolen führt. Der Weg gipfelt am seinerzeit von Bergbau-Auszubildenden gebauten Kreuz, das 1987 vor der Zeche neben dem Papstaltar stand.

Geringes Interesse im Essener Grugastadion

So bemerkenswert am Vormittag des 2. Mai der Papst-Besuch am Bergwerk war, so enttäuschend war die Resonanz auf seinen anschließenden Auftritt in Essen: Bei Nieselregen fanden sich gerade 3000 statt der erwarteten 20.000 Besucher im Gruga-Stadion ein, um den Papst zu begrüßen. Danach ging es via Papamobil zum Mittagessen im Bischofshaus – Rübensuppe, Spargel und Kalbsmedallions – und zum Gebet vor der Goldenen Madonna.

Ganz anders der Nachmittag in Gelsenkirchen: 90.000 Menschen hatten sich im Parkstadion versammelt, um mit Johannes Paul II. Messe zu feiern – einer der bis heute größten Gottesdienste im Ruhrbistum, ein spirituelles Mammutprojekt. Wie schon in Bottrop war auch in Gelsenkirchen das Thema Arbeit der rote Faden der Feier. Über der Altarinsel im Innenraum des Stadions erhob sich ein stilisierter Förderturm, das Altarkreuz war eine Anfertigung aus Kohle, Gold und Stahl und zur Gabenbereitung knieten sich Bergleute mit Helm und Arbeitskleidung vor den Papst, um einen Kelch aus Kruppstahl, Kännchen aus Veba-Glas und Grubenlampen als Altarlichter zu überreichen. In seiner Predigt stellte der Papst das Thema Arbeit mit Fragen des Glaubens und der Kirche in Verbindung: „Ihr sorgt euch, dass die Förderbänder laufen und die Feuer in den Stahlwerken nicht erlöschen“, sagte der Papst. „Ich teile eure Sorge. Teilt ihr auch meine Sorge, dass die Feuer des Glaubens nicht herunterbrennen, dass nicht Asche bleibt statt Glut“.

Streit um Messdienerinnen bei der Papstmesse

Schmitt lässt in seinem Buch neben seinen Recherchen aus Archiven – unter anderem des Bistums – zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen wie den langjährigen Vorsitzenden des Diözesanrats der Männer und Frauen im Bistum Essen, Luidger Wolterhoff, oder den Gelsenkirchener Stadtdechanten Propst Markus Pottbäcker. Er geht launig auf die Frage der angeblichen Ehrenmitgliedschaft des Papstes bei Schalke 04 ein – und widmet der seinerzeit heiß diskutierten Frage nach Messdienerinnen ein eigenes kleines Kapitel: Im Übergang von einem rein männlichen Ehrenamt zum heutigen gleichberechtigen Miteinander von Mädchen und Jungen habe in den Gelsenkirchener Pfarreien 1987 „der Einsatz von Messdienerinnen längst zum liturgischen Alltag gehört“, so Schmitt – weshalb sie auch für die Papstmesse mit Mädchen geplant hätten. Bischof Hengsbach habe jedoch auf eine päpstliche Instruktion verwiesen, die dies verbiete – und damit für reichlich Protest gesorgt.Schließlich verkündet der damalige Diözesan-Jugendseelsorger und heutige Weihbischof Wilhelm Zimmermann, dass Messdienerinnen sehr wohl bei der Papstmesse zugelassen wären.

Allerdings sollten sie nicht in typischer Messdiener-Kleidung auflaufen, sondern in deutlich schlichteren Gewändern. Das nahmen wiederum die Messdiener aus St. Barbara in Gelsenkirchen-Erle zum Anlass, ebenfalls in Mädchen-Gewändern an der Papstmesse teilzunehmen.

Ob diese Gelsenkirchener Episode einen Anteil daran hatte, dass Papst Johannes Paul II. fünf Jahre später das Messdienerinnen-Verbot kippte, bleibt offen. In jedem Fall blieb der Pontifex dem Ruhrbistum auch nach seiner Reise verbunden: Ein Jahr später würdigte Johannes Paul II. das Wirken Bischof Hengsbachs mit der Ernennung zum Kardinal. Und am 7. Oktober 2001 sprach er unter großer Beteiligung aus dem Bistum Essen Nikolaus Groß selig – den Hattinger Bergmann, Journalisten und Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten.

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